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Das amerikanische Craft-Bier-Revival

Am 8. Oktober 1976 eröffnete Jack McAuliffe seine New Albion Brewing Company in Sonoma, Kalifornien — die erste neue amerikanische Kleinbrauerei nach der Prohibition. McAuliffe, ein Marineleutnant, der in Schottland Bier getrunken und sich verliebt hatte, baute seine Ausrüstung aus Schrott und Milchkesseln. New Albion überlebte nur sechs Jahre, aber in diesen sechs Jahren hat McAuliffe bewiesen, dass ein Einzelner in Amerika eine Brauerei gründen konnte. Das hat alles verändert.

Die Rechtslage: Homebrewing und die Bundesgesetze

Ein oft übersehener Faktor im amerikanischen Craft-Revival ist die Legalisierung des Homebrewings. Bis 1979 war das Brauen von Bier zu Hause in den USA auf Bundesebene illegal — ein Überbleibsel des Prohibition-Gesetzes, das nie explizit aufgehoben worden war.

1979 unterzeichnete Präsident Jimmy Carter Bill H.R.1337, das Haushaltsbrauerei bis zu 200 Gallons pro Jahr und Haushalt erlaubte. Das war der Katalysator: Tausende von Homebrew-Enthusiasten, die bisher im Verborgenen gebraut hatten, konnten nun offen lernen, experimentieren und ihre Kenntnisse schärfen. Die erste Generation amerikanischer Craft-Brauer waren fast ausnahmslos Homebrewer, die kommerzialisierten.

Sierra Nevada: Der erste dauerhafte Erfolg

Ken Grossman gründete 1979 Sierra Nevada Brewing in Chico, Kalifornien, nachdem er jahrelang zu Hause gebraut hatte. Sierra Nevada war finanziell bescheidener als McAuliffes New Albion, aber technisch sorgfältiger. Das Sierra Nevada Pale Ale (erste Charge 1980) war das erste kommerzielle amerikanische Bier, das die Cascade-Hopfensorte als primären Aromaträger einsetzte. Cascade wurde damit zum Wahrzeichen des amerikanischen Crafts.

Sierra Nevada Pale Ale ist heute eines der meistverkauften amerikanischen Craft-Biere und gleichzeitig ein historisches Dokument. Es hat eine ganze Generation amerikanischer Brauer gelehrt, was Hopfenaroma bedeutet.

Boston Beer Company: Der populäre Durchbruch

Jim Koch gründete 1984 die Boston Beer Company und brachte 1985 Samuel Adams Boston Lager auf den Markt. Koch verwendete ein historisches Familienrezept und ließ zunächst in Pittsburgh braten; erst später erstellte er eigene Produktionsanlagen. Sam Adams Boston Lager ist ein Vienna-Lager-inspiriertes Bier — malzbetont, vollmundig, mit deutschen Hopfen. Es war das erste amerikanische Craft-Bier, das nationalen Einzelhandel und Restaurantvertrieb in großem Maßstab erreichte.

Boston Beer wurde 1994 an die Börse gebracht — eine weitere Premiere für die Craft-Industrie. Sam Adams machte Craft-Bier massentauglich und populär, lange bevor das wort "Craft" im heutigen Sinne gebräuchlich war.

Die Brewers Association und die Definition von "Craft"

Die Brewers Association (BA), gegründet aus dem Zusammenschluss der Association of Brewers und der Brewers Association of America, definiert "Craft Brewery" in den USA nach drei Kriterien:

Klein: Jahresproduktion unter 6 Millionen Barrel.

Unabhängig: Weniger als 25 % des Unternehmens gehört einem Nicht-Craft-Alkohol-Hersteller.

Traditionell: Das meistverkaufte Produkt ist ein traditionell gebrautes Bier (kein Flavored-Malt-Beverage).

Diese Definition ist politisch und ökonomisch, nicht sensorisch. Eine Craft-Brauerei kann ein schlechtes Bier produzieren; eine Nicht-Craft-Brauerei kann ausgezeichnetes handwerkliches Bier produzieren. Die Definition schützt kleine Unternehmen vor Übernahmen, nicht automatisch die Qualität.

Der Microbrew-Boom der 1990er

Die 1990er sahen eine explosive Expansion amerikanischer Craft-Brauereien. 1980 gab es weniger als 100 Craft-Brauereien in den USA; 1990 waren es über 400; 2000 über 1.500. Die Zunahme war von einer medialen Begeisterung für "Microbrews" begleitet, die Bier als Lifestyle-Produkt positionierte.

Das Jahrzehnt endete aber mit einem Einbruch: Viele schlecht kapitalisierte Brauereien schließen; das Publikum war von mittelmäßigen "Craft"-Produkten enttäuscht worden. Der Boom der frühen 1990er hatte auch schlechte Produzenten angezogen.

Die Reife: 2010er Jahre

Die 2010er brachten die qualitative Reife der amerikanischen Craft-Szene. Russian River hatte das DIPA-Format perfektioniert; Alchemist brachte das Hazy IPA in die Welt; Jester King und Hill Farmstead zeigten, dass amerikanisches Farmhouse-Bier auf Weltklasse-Niveau möglich war.

2015 gab es über 4.000 amerikanische Craft-Brauereien; 2023 über 9.000. Das ist die größte Brauereiredichte in der Geschichte der USA — und in der Geschichte der Welt außerhalb Deutschlands im Mittelalter.

Die Konsolidierung: AB InBev kauft Craft

Ab 2011 begann AB InBev, große Craft-Marken zu übernehmen: Goose Island (2011), Blue Point (2014), Elysian (2015), 10 Barrel (2014), Wicked Weed (2017), Dogfish Head (an Boston Beer, 2019). Das löste in der Craft-Community heftige Diskussionen aus: Kann eine AB-InBev-gebraute Brauerei noch "Craft" sein?

Die Brewers Association hat ihre Definition mit der 25-%-Unabhängigkeitsregel bewusst so gesetzt, dass AB-InBev-Töchter nicht als "Craft" gelten. Das hat eine zweiklassige Craft-Welt geschaffen.

Auf der Karte erkunden

Die Pionier-Standorte der amerikanischen Craft-Geschichte — Sierra Nevada in Chico, Boston Beer in Boston, Russian River in Santa Rosa — sind in der interaktiven Karte eingetragen. Die dichte amerikanische Craft-Karte ist das beste visuelle Dokument des Revivals. Karte öffnen