Frauen und die Craft-Bier-Bewegung
Die verbreitete Erzählung, Bierbrauen sei von jeher Männersache gewesen, ist falsch. In großen Teilen Europas und Nordamerikas war Hausbrauen bis ins 17. Jahrhundert eine überwiegend weibliche Tätigkeit — genau wie Brotbacken und Käseherstellung. Die Industrialisierung des Brauens, die im 19. Jahrhundert Kapital, Infrastruktur und physische Arbeit zusammenbrachte, verschob das Geschlechterverhältnis systematisch zugunsten von Männern. Was folgte, war kein Naturgesetz, sondern ein historischer Zufall.
Mittelalterliche Brauerinnen: Alewives und Hausfrauen
Im mittelalterlichen England brauten die "Alewives" — Frauen, die Ale für den Haushalts- und lokalen Verkauf herstellten. Sie trugen spitze Hüte, um auf Märkten erkannt zu werden, hatten Kessel und Katzen (zum Schutz vor Nagern in der Gerste) und wurden für die Qualität ihrer Produkte persönlich haftbar gemacht. Die späteren Hexenbilder — spitzer Hut, schwarze Katze, Kessel — haben eine direkte Linie zu den mittelalterlichen Brauerinnen, die als unbequeme wirtschaftliche Konkurrenz galten.
In Deutschland war das "Hausfrauen-Brauen" bis ins 17. Jahrhundert verbreitet. Das Reinheitsgebot von 1516 — das Brauen regulierte und kommerzialisierte — war ein frühes Instrument zur Professionalisierung und Verdrängung kleingewerblicher Brauer, darunter viele Frauen.
Pink Boots Society: gegründet 2007
Teri Fahrendorf, eine amerikanische Braumeisterin mit 22 Jahren Erfahrung, gründete die Pink Boots Society (PBS) 2007 nach einer Reise durch amerikanische Craft-Brauereien, bei der sie erkannte, wie selten Frauen in professionellen Braurollen anzutreffen waren. Die PBS hat heute Mitglieder in über 60 Ländern und bietet Stipendien, Ausbildungsressourcen und Vernetzung für Frauen im Bierhandwerk.
Das jährliche International Women's Collaboration Brew Day — ein PBS-initiiertes Ereignis, das am oder um den 8. März stattfindet — bringt Brauereien weltweit dazu, an einem Tag ein gemeinsames Rezept zu brauen. 2024 nahmen Brauereien aus über 60 Ländern teil; das gemeinsam erarbeitete Rezept nutzt jedes Jahr eine spezielle Hopfenmischung der PBS-Partnerschaft mit Yakima Chief Hops.
Moderne Figuren
Kim Jordan gründete 1991 gemeinsam mit Jeff Lebesch die New Belgium Brewing Company in Fort Collins, Colorado. New Belgium wurde unter ihrer Führung zu einem der ersten großen amerikanischen Craft-Brauereien, die vollständig mitarbeitereigentum (Employee Stock Ownership Plan, ESOP) wurden. Fat Tire Amber Ale — das Flaggschiff — ist heute eines der meistverkauften Craft-Biere der USA. Jordan war 2015 bis 2019 Mitglied des Boards der Brewers Association.
Laura Bell spielte eine zentrale Rolle in der frühen Entwicklung von Bell's Brewery in Kalamazoo, Michigan. Bell's — gegründet 1985 von Larry Bell — ist eine der ältesten und angesehensten amerikanischen Craft-Brauereien; Laura Bell ist seit Jahrzehnten in Unternehmensführung und -kommunikation tätig.
Annie Johnson gewann 2013 den Titel National Homebrew Competition Grand Champion — als erste Frau in der Geschichte des amerikanischen Homebrew-Wettbewerbs. Sie wurde damit zur sichtbarsten Repräsentantin von Frauen im Heimbrauen und ist seitdem aktiv in Ausbildungsprogrammen für unterrepräsentierte Gruppen in der Bierindustrie.
Die Harassment-Berichte seit 2021
2021 löste eine koordinierte Veröffentlichungswelle von Berichten ehemaliger und aktiver Mitarbeiterinnen in amerikanischen Craft-Brauereien eine Branchendebatte aus, die bis heute anhält. Stone Brewing, Dogfish Head und BrewDog (UK) gehörten zu den Unternehmen, über die konkrete Vorwürfe sexueller Belästigung und toxischer Unternehmenskultur veröffentlicht wurden.
BrewDog-Mitgründer James Watt reagierte auf einen offenen Brief von über 300 ehemaligen Mitarbeitern mit einer offiziellen Entschuldigung. Interne Überprüfungen wurden angekündigt; ob und wie die strukturellen Probleme behoben wurden, bleibt kontrovers diskutiert.
Die Berichte hatten eine breitere Wirkung: die Pink Boots Society, der Brewers Association Diversity & Inclusion Committee und unabhängige Organisationen wie Brewing Justice begannen, explizite Verhaltenskodizes und Beschwerdeverfahren für die Branche zu entwickeln.
Zahlen und Trends
Laut einer Umfrage der Brewers Association aus 2022 sind rund 30 % der Angestellten in amerikanischen Craft-Brauereien weiblich; der Anteil in Produktions- und Braumeisterrollen liegt bei etwa 15 %. Die Zahlen steigen, aber langsam.
Wichtiger als einzelne Zahlen ist der strukturelle Wandel: Frauen als Gründerinnen (nicht nur Angestellte), Frauen in Braumeister-Positionen, und Frauen als primäre Bier-Konsumentinnen — ein Markt, den die Industrie lange zu wenig beachtet hat.
Was Organisationen tun
Neben der Pink Boots Society sind aktiv:
Barley's Angels — ein internationales Netzwerk von Bier-Verkostungsclubs für Frauen, mit Fokus auf Bildung und Begeisterung.
The Girls Pint Out — lokale Gruppen in den USA und UK, die Frauen in die Craft-Bier-Szene einführen.
Bierista Women's Craft Brewing Network (Deutschland) — ein jüngeres Netzwerk für deutschsprachige Brauerin und Biersommelièren.
Der International Women's Collaboration Brew Day bietet jeder Brauerei weltweit die Möglichkeit, mitzumachen — unabhängig von der Größe. Die interaktive Karte zeigt teilnehmende Brauereien, die ihre Touren und Verkostungen für Einsteiger öffnen und in der Szene aktiv verankert sind.