Top 10 Brauereien in Island
Island ist eine Kuriosität in der Biergeschichte: Bier war auf der Insel bis 1989 verboten — 74 Jahre nach dem Ende der allgemeinen Prohibition. Stärkere Spirituosen waren erlaubt, Bier aber nicht, weil Bier als Symbol für dänische Herrschaft und gesellschaftliche Sittenlosigkeit galt. Seit der Legalisierung am 1. März 1989 — heute als „Biertag" gefeiert — hat sich eine erstaunlich vitale Brauerkultur entwickelt, die das außergewöhnliche Rohstoffangebot der Insel nutzt: Gletscherwasser aus dem Langjökull, vulkanisch gefiltertes Quellwasser, isländischer Moos, Lupinen und Birkenblätter. Für Bierreisende ist Island ein junges, dynamisches Pflaster — kein Land mit Jahrhunderten Brautradition, sondern eines, das in wenigen Jahrzehnten viel nachgeholt hat.
1. Einstök Ölgerð, Akureyri
Einstök — isländisch für „einzigartig" — ist die bekannteste isländische Biermarke weltweit und wird in Akureyri im Norden der Insel gebraut, etwa 385 km von Reykjavík entfernt. Die Brauerei wurde 2011 gegründet und nutzt arktisches Gletscherwasser, das durch Lavagestein gefiltert wird und eine außergewöhnlich mineralienarme, saubere Zusammensetzung besitzt. Das Einstök Arctic White Ale — ein Weizenbier mit Koriander und Orangenschale — ist das international bekannteste Produkt und wird in Europa, den USA und Kanada vertrieben. Das Arctic Pale Ale und das Toasted Porter ergänzen die Kernlinie. Das jahreszeitliche Doppelbock erscheint im isländischen Winter und passt zur Dunkelzeit zwischen Oktober und Februar, wenn Akureyri kaum Tageslicht sieht. Der Namenszusatz „Arctic" ist mehr als Marketing: Akureyri liegt nur 100 km südlich des Polarkreises.
2. Borg Brugghús, Reykjavík
Borg Brugghús — „Borg" bedeutet Festung — ist Islands handwerklich ambitionierteste Brauerei mit einer außergewöhnlich breiten Stilpalette. Gegründet 2010 in Reykjavík, beliefert Borg den Vinbúðin (das staatliche isländische Alkoholmonopol) und exportiert in über 20 Länder. Das Flaggschiff Nr. 19 Garún Imperial Stout (11,5 %) ist ein mehrfach prämiertes dunkles Starkbier mit Noten von dunkler Schokolade, getrockneten Pflaumen und Kaffee — benannt nach der Meeresfrau aus der isländischen Mythologie. Die nummerierten Serien umfassen Lagerbiere, Saisons, Pale Ales und Barrel-Aged-Biere. Der Taproom im Industriegebiet Reykjavíks, unweit des Keflavíker Flughafenkorridors, ist ein Pflichtbesuch für Bierreisende auf der Insel.
3. Ölvisholt Brugghús, Selfoss
Ölvisholt ist auf einem ehemaligen Bauernhof nahe Selfoss im Süden Islands angesiedelt — in Sichtweite des Hekla-Vulkans, der in der isländischen Mythologie als Tor zur Hölle gilt. Gegründet 2007, nutzt die Brauerei diesen dramatischen Kontext konsequent: Das Skjálfti — isländisch für „Erdbeben" — ist ein rauchiges Pale Ale; das Móri ein dunkles Amber mit erdigen Noten; das Lava Imperial Stout (9,4 %) ist die bekannteste isländische Stout-Interpretation und wurde mit einer Etikettenillustration des Eyjafjallajökull-Ausbruchs von 2010 bekannt. Selfoss liegt etwa 60 km von Reykjavík entfernt und ist gut über den Ringweg erreichbar — ideal für eine Tagesfahrt in Kombination mit dem Geysir und dem Gullfoss-Wasserfall im Goldenen Dreieck. Ölvisholt exportiert in Skandinavien und ist auf dem amerikanischen Craft-Markt vertreten.
4. Bryggjan Brugghús, Reykjavík
Bryggjan Brugghús ist ein vollwertiges Brewpub im Reykjavíker Hafenviertel Grandi, das neben seiner Brauerei ein Restaurant und eine Coffee-Rösterei betreibt — ein selten kombiniertes Konzept. Das Brewpub liegt fußläufig vom Meeresfrüchte-Markt Kolaportið und dem Harpa-Konzerthaus, was es zu einem natürlichen Anlaufpunkt für Stadttouristen macht. Das Bierangebot umfasst wechselnde Fässer mit saisonal geprägten Rezepturen; ein IPA und ein Pale Ale sind als Dauergäste gesetzt. Die Küche setzt auf isländische Zutaten — Skyr, Lammfleisch, Meeresfrüchte — in Kombination mit den Bierstilen des Tages. Für Bierreisende mit nur einem Tag in Reykjavík ist Bryggjan ein guter Ausgangspunkt.
5. RVK Brewing, Reykjavík
RVK Brewing ist eine 2015 gegründete Mikrobrauerei in der Nähe des Reykjavíker Stadtzentrums mit eigenem Taproom. Der Fokus liegt auf amerikanisch inspirierten Hopfenbieren — New England IPA, West Coast Pale Ale, Session IPA — die mit isländischem Gletscherwasser gebraut werden. RVK bedient das wachsende Segment der jungen Reykjavíker Bierkultur, die sich an internationalen Craft-Trends orientiert. Das Taproom ist Mittwoch bis Samstag geöffnet und zieht sowohl Einheimische als auch Reisende an. RVK ist ein Beispiel dafür, wie Reykjavík trotz kleiner Bevölkerungszahl eine dichte, diversifizierte Craft-Szene aufgebaut hat.
6. Ölgerðin / Kaldi, Árskógssandur
Ölgerðin — die älteste Brauerei Islands, gegründet 1913 unter dem Namen Egils — ist die einzige Brauerei, die in der Prohibitionszeit Malzbier (ohne Alkohol) produzieren durfte. Nach der Legalisierung 1989 war Egils das erste legale Bier Islands. Heute ist Ölgerðin vor allem durch die Kaldi-Marke bekannt: ein tschechisch inspiriertes Untergärungsbier, das in Árskógssandur im Norden Islands gebraut wird. Die Kaldi-Brauerei liegt in einem renovierten dänischen Haus und ist mit einer Taproom-Bar zugänglich. Das Kaldi Pale Lager ist das meistverkaufte handwerkliche Lagerbier Islands. Ölgerðin/ Egils bleibt der größte isländische Brauer nach Volumen und ein unverzichtbares Kapitel der isländischen Biergeschichte.
7. Bruggsmiðjan / Kaldi, Árskógssandur
Bruggsmiðjan — die Schutzmarke der Kaldi-Linie — ist eng mit dem Charakter des tschechischen Pilsner-Stils verbunden, den der Gründer Baldur Karason nach einem Tschechien-Aufenthalt in den 1990er Jahren nach Island brachte. Die Brauanlage nutzt naturgemäß kaltes Quellwasser aus dem Norden, das für die langsame Untergärung ideal ist. Neben dem Kern-Lager produziert Bruggsmiðjan ein dunkles Lager und ein jahreszeitliches Weihnachtsbier. Die Brauerei in Árskógssandur, einem kleinen Küstenort am Eyjafjörður, bietet geführte Besichtigungen im Sommer an und ist von Akureyri (ca. 30 km) gut erreichbar.
8. Malbygg, Reykjavík
Malbygg ist eine der neueren Reykjavíker Kleinstbrauereien, die seit ca. 2018 mit saisonal wechselnden Bieren und einem experimentellen Ansatz arbeitet. Der Name bedeutet „Malzgerste" — ein programmatisches Bekenntnis zu maltbetonten Stilen in einer Szene, die oft Hopfen priorisiert. Malbygg produziert kleine Chargen für den lokalen Markt, liefert an ausgewählte Craft-Bars in der Hauptstadt und ist auf saisonalen Bierfestivals präsent. Das Portfolio umfasst Amber Ales, Stouts und belgisch beeinflusste Ales — eine willkommene Ergänzung zur IPA-lastigen Konkurrenz.
9. Ægir Brugghús, Reykjavík
Ægir — der Meeresgott der nordischen Mythologie — ist ein Reykjavíker Craft-Projekt mit einem Portfolio, das sich konsequent an nordischen Mythen und isländischen Landschaften orientiert. Die Biere tragen Namen wie „Víðförull" (Weitgereister) und „Þrymur" (Donnerer) und sind in der Namenswahl typisch für die isländische Craft-Szene, die Sprache und Tradition als Markenidentität nutzt. Ægir liefert an Craft-Bars in der Hauptstadtregion und ist auf lokalen Bierfestivals gut vertreten. Die Biere umfassen Pale Ales, Stouts und saisonale Sondereditionen.
10. Smiðjan Brugghús, Reykjavík
Smiðjan — isländisch für „Schmiede" — ist ein Reykjavíker Craft-Projekt mit Brewpub-Charakter, das im Herzen der Altstadt angesiedelt ist. Das Team setzt auf kreative, wechselnde Rezepturen; ein festes Kernsortiment aus IPA und Pale Ale ergänzt die häufig rotierenden Sondereditionen. Smiðjan kooperiert regelmäßig mit nordischen Craft-Partnern aus Dänemark, Schweden und Norwegen — ein Zeichen für die wachsende Integration der isländischen Craft-Szene in den gesamtnordischen Biermarkt. Der Taproom ist abends besonders frequentiert und ein guter Startpunkt für die Reykjavíker Craft-Bar-Route, die sich von Laugavegur bis zum Hafenviertel erstreckt.
Bier und Prohibition: die isländische Geschichte
Die isländische Prohibition wurde 1915 durch ein Volksreferendum eingeführt. Stärkere Getränke wurden schrittweise wieder erlaubt — Spanien hatte Importe isländischen Fisches boykottiert, bis Island seinen spanischen Weineinkauf wieder aufnahm, was zur Weinliberalisierung führte. Spirituosen wurden 1935 legalisiert; Bier blieb verboten, weil das Parlament befürchtete, billiges Bier führe zu massenhaftem Alkoholmissbrauch. Die Legalisierung am 1. März 1989 wird auf Island als „Bjórdagur" (Biertag) gefeiert. Diese kurze Geschichte der legalen Bierproduktion — nur etwa drei Jahrzehnte — macht den Aufbau der heutigen Craft-Szene mit über 30 aktiven Brauereien besonders bemerkenswert.
Praktische Hinweise für Bierreisende
Alle Biere müssen in Island über den staatlichen Vinbúðin erworben werden — Supermärkte führen keinen Alkohol. In Reykjavík gibt es mehrere gut bestückte Filialen sowie spezialisierte Craft-Bars wie Mikkeller Reykjavík und Kaldi Bar. Ein Tagesausflug in den Süden (Selfoss / Ölvisholt) lässt sich mit dem Goldenen Kreis kombinieren. Nach Akureyri im Norden fahren entweder Direktflüge ab Reykjavík Domestic Airport (ca. 45 Min.) oder der Ringweg (ca. 5 Std.).
Isländische Brauereien konzentrieren sich in der Hauptstadtregion, sind aber auch im ganzen Land verstreut. Die interaktive Karte zeigt alle eingetragenen Standorte. Karte öffnen